GÜRTELROSE
Schmerzen und Schmerztherapie bei und nach Gürtelrose
 

An der Gürtelrose erkranken meist ältere Personen über 50 Jahre, die Inzidenz (= Anzahl neuer Erkrankungsfälle)  beträgt etwa 4-5 pro 1000 Einwohner. Begünstigt wird die Erkrankung durch ein supprimiertes (= geschwächtes) Immunsystem, so z.B. bei Patienten unter oder nach Chemotherapie, Alkoholkranke usw. Eine bestehende Krebserkrankung schwächt ebenfalls das Immunsystem. Es ist daher ratsam, beim Auftreten einer Gürtelrose auch nach einer möglichen Krebserkrankung zu forschen.

Die Gürtelrose befällt überwiegend die Nervensegmente der unteren Brustwir belsäule, seltener den Gesichts- (Gesichtsrose) bzw. Kopfbereich (Kopfrose) (Herpes zoster ophthalmicus, Herpes zoster oticus).
Der Name Zos ter kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Gürtel" entsprechend der gürtelförmigen Hautausbreitung am Körperstamm. Aus diesem Grund wird die Krankheit auch als Gürtelrose bezeichnet. 

Die Gürtelrose ist eine neurodermale (= Ner ven und Haut betreffende) Infektionskrankheit. Der Erreger ist der Herpes-Varizellen-Virus. Als Tröpfcheninfektion führt der Erstkontakt vorwiegend bei Kindern zu den bekannten Windpocken, an sich eine harmlose Kinderkrankheit. Leider hat das Virus die Eigenschaft, über Jahrzehnte in bestimmten Bereichen des Nervensystems zu überleben, ohne daß Krankheitszeichen vorhanden sind. Kommt es aber zu einer Schwächung des Immunsystems, so wird das Virus reaktiviert und erreicht über sensible Nervenbahnen die Haut und es entsteht der Herpes zoster.

Die Gürtelrose beginnt mit brennenden, juckenden Schmerzen im Bereich der befallenen Nervensegmente und geht mit Sensibilitätsstörungen einher. Schon die Berüh rung der Haut im befallenen Bereich verursacht starke Schmerzen (eine sog. Allodynie). Einige Tage später bilden sich Hauterscheinungen wie rote Flecken, Pusteln und Papeln aus. Diese sog. Effloreszenzen heilen in der Regel nach 2 - 4 Wochen ab und normalerweise verschwinden dann auch die Nervenschmerzen wieder. 

Behandlung der akuten Gürtelrose:

Antivirale (= gegen das Virus gerichtete) Therapie: Aciclovir (Zovirax®) ist Medikament der Wahl bei Gürtelrose. Es wirkt als Guanosinanalogon auf die Replikation (= Neuentstehung der Erbsubstanz) des Virus, verringert die akuten Schmerzen, die Erythembildung (= flächenhafte Hautrötung) und die Neubildung von Läsionen und läßt die Effloreszenzen (= Hauterscheinungen) schneller abheilen. 

Lokale (= örtliche) Schmerztherapie mit antiviralen (= gegen Viren gerichtete) Substanzen bei Gürtelrose:
Idoxuridin oder Desoxyuridin in Dimethylsulfoxid (Zostrum®) wird viermal täglich vier Tage lang auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen und führt zu einem schnellen Rückgang der Schmerzen (Wassilew 1988). 
Alternativ bietet sich Vidarabin Salbe an (zweimal täglich) (Hempel 1993). Antivirale Substanzen beeinflussen Schmerzen ab dem fünften Tag nach Auftreten der Zostereffloreszenzen (= typischer Hautausschlag bei Gürtelrose) nicht mehr. Danach ist der Einsatz antiinflammatorischer (= entzündungshemmender) Pharmaka angezeigt.

Lokale (= örtliche) und systemische (= den Gesamtorganismus betreffende) Schmerztherapie mit Steroiden (= Hormon aus der Nebennierenrinde) bei Gürtelrose:
Injektionen mit Glukokortikosteroiden wie z.B. 25 mg Prednisolon z.T. mit einem Lokalanästhetikum z.B. Bupivacain 0,25 % in die betroffenen Hautareale werden empfohlen (Hempel 1993), wobei sowohl Schmerzreduktion als auch verringertes Auftreten einer postzosterischen Neuralg ie gesehen wurden, allerdings fehlen hierzu kontrollierte Studien. Das gleiche gilt für epidurale (= rückenmarknahe) Steroidinjektionen oder Injektionen an den Trigeminus-Nerv durch das Foramen ovale. Systemische Therapie mit Corticosteroiden und ACTH (= Hormon, das im Gehirn gebildet wird) ist umstritten. 
Es werden Fälle beschrieben, bei denen sich eine generalisierte (= auf den gesamten Körper ausgebreitete) Gürtelrose entwickelte. Wassilew (1988) beobachtete unter der Gabe von 1 mg Methylprednisolon pro kg Körpergewicht bei rechtzeitigem Therapiebeginn innerhalb von 10 Tagen hervorragende Reduktion bzw. Sistieren (= Wegbleiben) der akuten Schmerzen
Das Risiko des Auftretens einer disseminierten (= über den Körper verstreuten) Gürtelrose  wird als relativ gering betrachtet (Loeser 1986). Empfohlen werden Kortikosteroiddosen von 40-60 mg pro Tag in der ersten Woche mit Ausschleichen der Dosierung in den nächsten 1-2 Wochen (Zenz 1994).

Schmerztherapie mit systemischen Analgetika (= im ganzen Körper wirkenden Schmerzmittel) und Co- Analgetika (= Mittel die Schmerzmittel in ihrer Wirkung unterstützen):  
In der Literatur werden verschiedene Pharmaka zur akuten Schmerztherapie bei Gürtelrose genannt. Dabei muß bedacht werden, daß die Schmerzen bei Gürtelrose -Patienten unter 50 Jahren ohnehin normalerweise spontan sistieren (= aufhören). Ein Therapieversuch mit Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®) ist oft erfolgreich.   
Interessant sind Untersuchungen über den Einsatz von Levodopa (Kernbaum 1981) und Adenosinmonophosphat (Sklar 1985) bei Gürtelrose.

Schmerztherapie mit lokalen Therapeutika (= Mittel die örtlich aufgetragen werden) bei Gürtelrose
Benedittis
(1992) propagiert die lokale Applikation von Acetylsalicylsäure (= Wirkstoff von Aspirin®) in Diethyläther gelöst.

Therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) bei Gürtelrose:
Hierbei werden in der Literatur Hautinfiltrationen mit Lokalanästhetika, oft mit Glukokortikoiden gemischt, Blockaden des somatischen und vegetativen (= unwillkürlichen) Nervensystemes und auch intravenöse (= in eine Blutader gespritzte) Lokalanästhetikagabe bei entsprechender Lokalisation beschrieben (Zenz 1994). 
Rechtzeitiger Beginn der Behandlung innerhalb von zwei bis drei Wochen und vor allem auch Sympathikusblockaden (=  Betäubungen eines Teiles des unwillkürlichen Nervensystems) führen zu guter Schmerzreduktion und sollen das Auftreten postzosterischer Neuralg ien verhindern. Bei Periduralanästhesien (= rückenmarknahe Betäubungen) können dem Lokalanästhetikum Corticosteroide zugemischt werden (Hankemeier 1988).

Wenn Schmerzen die Hauterscheinungen der Gürtelrose überdauern, meistens nach 4-6 Wochen, dann ist die Krankheit in eine sog. postzosterische Neuralgie übergegangen. 
Zehn Prozent aller Patienten mit Gürtelrose entwickeln diese Schmerzen (Loeser 1986). Begünstigend für das Auftreten dieser Schmerzen nach einer Gürtelrose sind Intensität und Ausmaß der akuten Gürtelrose  -Er krankung, Diabetes mellitus (= Zuckerkrankheit), Lokalisation der Gürtelrose (häufiger nach Zoster ophthalmicus (= Gesichtsrose)) und vor allem das Alter der Patienten. 
Die Inzidenz (= Anzahl neuer Erkrankungsfälle) an Zos ter-Neuralg ie (pos tzosterischer Neuralg ie) beträgt 20-60 Prozent bei den über 60jährigen (Struppler 1988). 
Der Schmerzcharakter bei der pos tzosterischen Neuralg ie wird von den Patienten uneinheitlich beschrieben: anhaltend tief drückend oder brennend, blitzartig einschießend, stechend und brennend. Fast regelmäßig besteht im Schmerzbereich eine Sensibilitätsstörung (= Störung des körperlichen Empfindens), so in Form einer Hyperpathie (= Sensibilitätsstörung als Überempfindlichkeit gegenüber allen örtlichen Reizen) oder auch Hyperalgesie (= herabgesetzte Schmerzschwelle) bis hin zu einer Allodynie (= Schmerzauslösung durch an sich nicht schmerzhafte Reize, z.B. Kleidung).

Schmerztherapie bei Neuralg ie nach Gürtelrose:  

Beim Entstehungsmechanismus der Neuralg ie nach einer Gürtelrose spielen sowohl zentrale (= im Rückenmark) als auch periphere Nervenläsionen eine Rolle. Dementsprechend werden verschiedene Schmerztherapie -Maßnahmen, die zentral oder/und peripher angreifen, unterschiedlich erfolgreich sein (Hefermann und Leeser, 1992 Schmerzklinik Bad Mergentheim). 
Die Schmerztherapie bei der Neuralg ie nach einer Gürtelrose ist schwierig und setzt große Erfahrung voraus. Dabei ist häufig eine gezielte "Polypragmasie" (= Durchführung mehrerer Maßnahmen gleichzeitig) erforderlich. 
Die Patienten betreiben zum Teil einen Schmerzmittelmissbrauch oder sind gar bereits abhängig, so daß vorrangig eine Entzugsbehandlung erforderlich ist. Infolge des chronischen Schmerzes entwickeln sich öfters psychische Veränderungen, so daß auch psychologisch / psychotherapeutische Interventionen notwendig werden.

Eine systemische medikamentöse Schmerztherapie mit Schmerzmittel nach dem WHO (= Weltgesundheitsorganisation) -Stufenschema sollte zumindest ab Stufe 3 (z.B. Gabe von Morphin) bei Gürtelrose -Patienten erst dann eingesetzt werden, wenn die Therapie mit Psychopharmaka, Antiepileptika (= Mittel gegen das Anfallsleiden, u.a. aber auch bei bestimmten Schmerzen wirksam) und nichtmedikamentösen Verfahren, sowie perkutaner (= durch die Haut hindurch) Medikamentenanwendung ausgeschöpft wurde. Antidepressiva (z.B. Doxepin, Maprotilin) (= Mittel gegen Depression), evtl. auch in Kombination mit Neuroleptika (z.B. Levomepromazin) (= Mittel zur psychischen Behandlung, u.a. aber auch gegen Schmerzen nach einer Gürtelrose wirksam), verschaffen Patienten mit einer Neuralg ie nach Gürtelrose häufig Linderung. Wir bevorzugen Amitriptylin in einer Tagesdosis von bis zu 75 mg, da es in Kombination mit Analgetika, Antiepileptika und oder Neuroleptika stärker wirksam ist. 
Zur Schmerztherapie bei dieser Neuralg ie nach Gürtelrose wirken am besten sog. Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht, aber auch bei diesen Schmerzen hilfreich). Als erste Wahl gelten heute Gabapentin (Neurontin®) oderPregabalin (Lyrica®), als 2. Wahl Carbamazepin (z.B. Tegretal®).
(Hinweis: Neurontin® ist bezüglich der Off Label-Bestimmungen zur Behandlung der Neuralg ie nach Gürtelrose zugelassen und damit rezeptierfähig).
Zur Wirkstoffeinsparung und damit Reduzierung der Nebenwirkungen kann mit Baclofen (= ein Mittel zur Muskelentspannung) kombiniert werden. Manchmal ist auch die Verordnung von Keltican® (= ein Mittel, das z.T. Nervenschäden reparieren kann) hilfreich.

Zur perkutanen (= durch die Haut hindurch) medikamentösen Schmerztherapie der Neuralg ie nach Gürtelrose eignet sich Acetylsalicylsäure (= bekannt als Aspirin®), wobei allerdings durch ASS eine Ablösung der Hornschicht der Haut und bei Lösung in Chloroform dessen Leber- und Nierengiftigkeit zu beachten ist (Zenz 1994). 
Capsaicin, Inhaltsstoff des spanischen Pfeffers, als Creme (0,025-0,075%) verabreicht, kann ebenfalls schmerzlindernd wirken. Allerdings tolerieren einige Patienten nicht die mit der Anwendung verbundenen Hautreizungen und vorübergehende Schmerzverstärkung. 
Auch eine Iontophorese (= Verabreichung von Wirkstoffen durch die Haut mit Hilfe von Gleichstrom) mit Vincristin, ist zur Behandlung der Neuralg ie nach Gürtelrose geeignet, wenn diese nicht länger als 6 Monate zurückliegt (Layman 1986).

In der medizinischen Literatur wird die Ansicht vertreten, daß die Erfolgsrate der therapeutischen Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel)  bei der Neuralg ie nach Gürtelrose abhängig von dem Zeitpunkt des Beginnes der Schmerztherapie nach Ausbruch der Gürtelrose sei. Nach sechs Wochen (Hempel 1993) beziehungsweise 3 Monate (Zenz 1994) sei die Neuralg ie nach Gürtelrose in den meisten Fällen durch Nervenblockaden (= Ner venbetäubungen) nicht mehr günstig zu beeinflussen. Auch Loeser (1986) räumt der therapeutischen Lokalanästhesie bei Patienten mit älterer postzosterischer Neuralg ie kaum noch Nutzen ein. 
Dem widersprechen aber zum Teil die Erfahrungen anderer Autoren. Auch Hefermann und Leeser (1992, Schmerztherapiezentrum Bad Mergentheim) berichten über gute Erfolge mit Ner venblockaden, sofern diese konsequent durchgeführt werden. 
Folgendes Vorgehen hat sich bewährt: Nach einer positiven, schmerzlindernden Testblockade wird eine Serie von Ner venblockaden mit einem lang wirksamen örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain in einer Konzentration von 0,25%) durchgeführt, wobei anzustreben ist, die Folgeblockade immer dann anzusetzen, wenn die vorhergegangene eben abgeklungen ist. Dazu bieten sich kontinuierliche Verfahren mittels Kathetertechnik (= Einpflanzung eines dünnen Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Nerv) an. 

Viele Autoren betonen bei der Neuralg ie nach Gürtelrose die Effektivität einer Schmerztherapie in Form von Blockaden des Sympathikus (= sog. autonomes, selbständiges Nervensystem) (z.B. Auberger 1990, Hempel 1993). 

Topische (= eine örtliche, oberflächlich wirkende) Lokalanästhesie der betroffenen Hautareale, zum Beispiel mit Lidocain-Spray oder Lidocain-Prilocain Creme (EMLA®), wird bei der Neuralg ie nach Gürtelrose von verschiedenen Autoren eingesetzt (Milligan 1989). Bei abnehmender Wirkung im Behandlungsverlauf ist an eine Tachyphylaxie (= Wirkungsabschwächung bei wiederholter Anwendung) zu denken. Zudem können bei lokaler Anwendung zusammen mit Ner venblockaden toxische (= giftige) Lokalanästhetikakonzentrationen erreicht werden.

Weitere Maßnahmen im Rahmen einer Schmerztherapie nach Gürtelrose

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Zoster oticus,  Zoster ophthalmicus

Aktualisiert: 17.12.05
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